Indonesien

One Night in Jakarta

Indonesien

One Night in Jakarta

Wenn man mit keiner Erwartung sich ins Ungewisse stürzt, dann kann man nur überrascht werden. Wie sehr wir jedoch staunen würden, damit hatten wir wirklich nicht gerechnet.

Nachdem wir mit anfänglichen Schwierigkeiten doch den richtigen Terminal gefunden hatten, saßen wir tatsächlich im Flieger nach Indonesien. Aufgeregt und gespannt, was uns in diesem Land alles begegnen wird, konnten wir beim Landeanflug schon die vielen kleinen mit Wellblechdach bedeckten Hütten sehen, die wie Pflastersteine unter uns aussahen. Auch war schnell klar, dass Sicherheit eine andere Bedeutung haben wird, als 50m von der Landebahn entfernt noch Schienen der Zuglinie zu sehen waren.

Gelandet, zur Toilette und ich habe sie natürlich erstmal falsch bedient. So war es nicht der Hebel für die Spülung, sondern für die Analdusche gewesen, deren Strahl mich am Bein streifte und sonst mit hohem Druck bis zur Tür spritzte. Zum Glück hatte ich eine gemusterte Hose an und es fiel nicht so auf. Das Visum bei der Einreise für 30 Tage stellte für uns kein Problem dar. Einzig die Frage, wann wir wieder aus dem Land ausreisen und warum wir hier sind. Aber die Frau neben uns hatte Probleme, da sie kein Englisch sprach und der Beamte sich weigerte etwas zu tun. Sie hatte schon am ganzen Leib gezittert. Ein großes Plakat am Anfang der Passkontrolle, das mit 5 Jahren Gefängnis bei illegaler Einreise droht, hinterlässt durchaus Eindruck.

Also hieß es, nur noch auf die Backpacks warten, eine SIM-Karte kaufen und auf das Grab-Taxi warten. Die SIM-Karte wäre in der Stadt vermutlich günstiger gewesen, aber so konnten wir problemlos unsere Grab-App noch aus Malaysia nutzen und mussten nur auf unseren Fahrer warten. Dank Google-Übersetzung hat er mit uns plötzlich auf Deutsch geschrieben und wir sollten vor der Pizzahütte warten. Gemeint war das Restaurant Pizza Hut, was wir dann aber auch schnell verstanden hatten.

Unwetter in Sevilla
Angekommen in Jakarta

Die Fahrt dauerte eine gute halbe Stunde und brachte uns direkt zum Hostel. Auf der Autobahn waren überall unglaublich große Werbetafeln, die weniger ästhetisch alle möglichen Produkte und Marken anpriesen. Und der Verkehr, OMG. Also ich habe ja schon viel gesehen, aber so viel Chaos, Dreck und riskante Manöver sind mir selten begegnet. Mir stand förmlich der Mund offen und ich kann das Gefühl bis jetzt nicht richtig beschreiben. Das muss man glaube ich erlebt haben.

Häuser am Straßenrand Jakarta teil 2
Häuser am Straßenrand Jakarta
Traffic in Jakarta

Wir kommen im Hostel an und die gesamte Ladung der Stadt, der Lärm und der Dreck hatten unsere positive Anfangsstimmung irgendwie leicht gedämmt. Als wir dann beim Check-Inn uns ebenfalls nach Zugtickets für die Weiterreise durch das Land erkundigten, kam die Hiobsnachricht. Die nächsten Tage waren alle Züge ausgebucht. Okay, neues Land, neue Situation. Was in Malaysia so einfach und spontan ging, braucht hier also mehr Planung.

Um aus dieser Stadt zu entkommen, musste also eine Alternative zum Zug her. Ein Bus schien uns die beste Option. Wegen der vielen verschiedene Busterminals ist es wirklich eine Kunst, das auch nur einigermaßen hinzubekommen. Die Hostelmitarbeiter waren wirklich sehr, sehr nett und hilfsbereit. Das war ein absoluter Pluspunkt. Ohne deren Hilfe hätten wir das so nicht geschafft.

Nach etwa einer halben Stunde haben wir uns dann für einen Bus entschieden, der preislich noch okay war, aber über 12h Fahrt bedeutete und das über Nacht. Das hieß dann adé Zugfahrt mit Ausblick auf das Umland. Wir trösteten uns mit dem Gedanken, dass wir noch eine Chance für eine ähnliche Landschaft irgendwann später auf der Reise durch Indonesien haben werden. Ein Hostel war auch recht schnell geklärt und dann waren wir erstmal wieder ein bisschen beruhigt. Der Hunger machte sich bemerkbar und auf Nachfrage, was es hier so gibt, wurde uns ein nahegelegener Streetfood-Markt empfohlen.

Abends zum Streetfood in Jakarta

Halb 7 Ortszeit, die Sonne war gerade untergegangen, gingen wir raus in die schwüle Abendhitze, an einem mit Betonpfeilern improvisierten Bürgersteig entlang und sahen schon die ersten Straßenstände. Die Gäste saßen auf dem mit Plane ausgelegten Boden und haben ihr Essen entgegengenommen. Daran schlossen sich weitere Schmuckstände an. Wir hörten plötzlich ein Geräusch, dass sich anhörte wie der Bohrer beim Zahnarzt. Es stellte sich heraus, dass die angebotenen Ringe auf Wunsch auch graviert wurden. Kaum 50m weiter standen wir dann auf einem großen Platz mit über und übervielen Menschen. Kinder liefen herum und spielten mit den Leuchtpropellern, die sie zuerst in die Luft schossen und dann im Getümmel wieder aufzufangen versuchten.

Kinder spielen auf dem Platz in Jakarta

Mister, Misses, may we have a picture with you?

Wir bemerkten schon die ersten Blicke, das erste Gekicher und wurden von einigen Menschen auf Schritt und Tritt verfolgt. Dann die erste Person, die sich getraut hat und nach einem Bild fragte. Wir willigten ein und waren dann mitten in einem Fotoshooting. Immer mehr Leute kamen, stellten sich dazu. Ganze 5 Minuten ging das Spektakel. Julian war so frech und meinte dann einmal, dass er jetzt auch dran ist.

Foto von Moni und den Mädels

Die Menschen waren super neugierig und interessiert, haben sich bedankt und waren hocherfreut, als wir auf Indonesisch Bitte oder Danke antworteten. Ein absoluter Eisbrecher! Bis wir dann an dem uns empfohlenen Markt waren vergingen weitere Gehminuten. Wir schauten uns die verschiedenen Stände an. Normalerweise erwartet man auf solchen Plätzen Touristen, aber es gab einfach keine. Später sind uns vereinzelt andere entgegengekommen, aber in diesem Moment weit und breit niemand. Englisch ist übrigens auch weit gefehlt. Ich hatte zum Glück zuvor von einer Freundin, die Indonesierin ist, einige wichtige Worte aufschreiben lassen. So konnten wir uns die Nudeln ohne Hühnchen bestellen, die nämlich auch Füße beinhaltet hätten und wir bei der Hygiene und der bevorstehenden Busfahrt am nächsten Tag lieber nichts riskieren wollten.

Aus dem Nichts hupt es plötzlich neben uns und wir mussten feststellen, dass die Flaniermeile auch gleichzeitig die Busspur war. Die Busfahrer haben aber weiterhin gehupt, auch wenn wir schon zwischen den Essenständen gedrängt standen und haben uns lächelnd zugewunken.

Bus auf der Flaniermeile
Bus auf der Flaniermeile

Auch hier wurde sich dann dicht neben uns gesetzt, lange getuschelt bis sich doch durchgerungen wurde, uns nach einem Foto zu fragen. Mit einem Foto von uns wäre sie morgen der Star auf dem Campus. Von uns nicht unbemerkt wahrgenommen wurden wir aber auch zuvor beim Essen gefilmt und fotografiert. Eine hatte sogar Instagram live geschaltet. So fühlen sich also manche Stars oder Tiere im Zoo.

An der Streetfood-Meile in Jakarta bei Nacht
An der Streetfood-Meile in Jakarta bei Nacht

Begleitet wurde unser Essen von sehr vielen Straßenmusikern, die uns nicht nach Geld fragten, sondern sich auf die Einheimischen stürzten und uns eher sehr zuvorkommend und zurückhaltend behandelten.

Kinder die Instrumente spielen

Als wir mit unserem Essen fertig waren, sind wir nochmal auf den großen Platz gegangen, haben uns im Supermarkt jeweils ein Magnum gegönnt und uns unter die Leute gemischt. Es blieb nicht ganz unbemerkt, aber die vielen Musikgruppen hatten ihre Aufmerksamkeit auf sich gezogen. In jeder Ecke stand eine Band mit Mikrophon und Verstärker und allem, was man sonst noch so braucht.

Wir haben uns nach einer Weile entschieden wieder zurück ins Hostel zu gehen und waren immer noch schwer beeindruckt von allem, was da auf uns eingeprasselt ist.

Nächster Morgen, eigentlich gut geschlafen, obwohl die Matratze in der Mitte runterging wie eine Hängematte. Nach der Dusche und einem kleinen Happen als Frühstück haben wir uns ins Tageslicht gewagt. Der Verkehr war immer noch so verrückt wie am Tag zuvor.

Wir hatten von unserem Hostel eine Empfehlung für einen kostenlosen Bus bekommen, der für rund eine Stunde eine Stadttour machen sollte. Wir haben uns auf den Weg gemacht, während dicht neben uns die vielen Motorräder entlangbretterten.

Motorräder in Jakarta

Der Weg beinhaltete auch eine Straßenüberquerung. Okay, also rein ins Getümmel und einfach den anderen folgen, damit das irgendwie klappt.

Laden...

Wir gingen an sehr vielen Essensständen, die ihre Nudeln, Gemüse und Fleisch in Bananenblättern in der sengenden Hitze anboten vorbei. Wie auch schon gestern waren die Planen auf dem Boden ausgebreitet. Als wir an der Busstation ankamen schauten uns wieder sehr viele lächelnde und schüchtern kichernde Gesichter an. Sehr viele meinte dann aber auch, dass die Schlange wirklich sehr lange war. Und ja, die standen alle für den Bus an, wie wir dann feststellten – er war ja schließlich kostenlos.

Streetfood in Jakarta
Free Bus Tour Jakarta

Okay, also bei der Masse an Leuten ist das keine einfache Sightseeingtour und wir entschieden uns auf den großen Platz von gestern Abend zurückzugehen, der ganz in der Nähe war. Wieder eine Straßenüberquerung, aber dieses Mal mit schon etwas mehr Mut.

Der Platz war nicht mehr so voll wie gestern Abend, aber hat sich dafür in ein Fahrradfun-Paradies verwandelt. Super viele Kinder sind mit Fahrrädern in den Farben neongelb, neonpink oder blau herumgefahren und hatten sichtlich Spaß. Getoppt wurde die ganze Szenerie nur noch von den pinken großen Sonnenhüten der Mädchen, die teilweise noch über ihre Kopftücher gezogen wurden.

Laden...

Lange unbemerkt blieben wir nicht und so fanden wir uns wieder inmitten eines Fotoshootings. Die Leute standen plötzlich tatsächlich Schlange und wir fühlten uns wie eine Attraktion auf diesem Platz. Das ist uns als Tourist auch noch nicht passiert. Um aus dieser Endlosschleife wieder herauszukommen mussten wir irgendwann Nein sagen, auch wenn uns das für die betreffenden Personen leidtat.

Nachdem wir von so vielen Menschen nach einem Foto gefragt wurden, haben wir das auch einfach gemacht. Die Mädchen haben sich zwar etwas geniert, aber sich dann doch zu einem Bild überreden lassen.

Vor der langen Busfahrt wollten wir auch noch etwas essen und sind nach einigem Suchen in das Djakarté eingekehrt. Das ist die frühere Schreibweise von Jakarta, die noch aus der Zeit der niederländischen Kolonialzeit stammt, wie auch der große Platz zuvor.

Die Pommes waren super, das Nasi Goreng war okay. Besonders beeindruckt waren wir von dem „Chicken“, das ein kleines vertrocknetes Stück Beinchen als Beilage war.

Unser Chicken

Und so konnten wir leicht gestärkt unser Taxi rufen, um an den Busbahnhof zu gelangen. Wir brauchten gut eine Stunde, um 12km in diesem Verkehr zu überwinden. Was ein Getümmel!

Auf dem Weg zum Busbahnhof
Auf dem Weg zum Busbahnhof
Auf dem Weg zum Busbahnhof

Am Busbahnhof in Jakarta

Angekommen wurden unsere Sachen schon geschnappt und zu einem der vielen Ticketverkäufer geschleppt, als wir Yogyjakarta als unser Ziel angaben. Als wir dann unser bereits gebuchtes Ticket zeigten, kamen die enttäuschten Gesichter und wir hörten nur das Wort „online“ heraus. Aber wir wurden wieder sehr hilfsbereit zu unserem richtigen Ticketcounter begleitet, wo wir dann mit Sack und Pack über eine Stunde auf den Bus warteten.

Warten am Busbahnhof

Wir hatten ja nun keine große Auswahl gehabt und den einzigen noch freien Bus gebucht. Von den drei Klassen Economi (günstigste), Bisnis (mittel) und Eksekutif (teuerste) blieb uns nur noch letztere übrig. Naja, dachten wir. Dann wenigstens die beste Variante.

Unser Bus von außen
Bus von innen

Pustekuchen

Als der Bus dann schließlich kam und wir eingestiegen sind, wollten wir eigentlich auch schon wieder raus. Diese blauen Kissen waren voll mit Flecken und schwarzem Dreck. 12 Stunden sollten wir hier jetzt drin verbringen. Die Fahrt ging los, schleppend durch den zähen Verkehr der Stadt. Es hat 3 Stunden gebraucht, um die Stadtgrenze zu passieren, aber nur eine halbe Stunde bis ein Fahrgast eingeschlafen ist und übelst laut geschnarcht hat. (Spoiler: über 11h ging das so) Zu Beginn wurden in zwei Fernsehern auch indonesische Musikvideos mit Untertitel gezeigt. Wahrscheinlich so unsere Schlager nur in Schnulzenstyle. Das Geschnarche immer im Hintergrund zu hören, wie auch das Quietschen und Knarzen des Busses auf den holprigen Straßen. Und wir dachten, dass es nicht noch skurriler werden konnte.

Laden...

Ton an, es lohnt sich

Pustekuchen Teil 2. Unser netter Fahrgast drei Reihen hinter uns hatte plötzlich Aussetzer, sodass er mit Schnappatmung kurz aufgewachte, teilweise von Hustenanfällen begleitet. Als der Bus dann auch noch die Autobahn verließ und durch kleine Dörfer fuhr, war das Geholpere so stark, dass der ganze Körper nur noch wackelte. Anschnallgurte gab es natürlich nicht, weshalb man sich auf den Sitzen irgendwie selbst festhalten musste. Bei einer Bremsung ist der Typ schräg hinter uns voll in den Gang gefallen und hatte sich gerade noch so gefangen. Zu allem Übel hatte die Klimaanlage auch einen Defekt oder irgendjemand hatte doch im Bus geraucht. Vielleicht war es auch einfach nur der Geruch der Straße nach verbranntem Öl, der uns dauerhaft in der Nase hing. Gegen 3 Uhr nachts, Augen auf Halbmast, sah ich in einer kleinen Straße, durch die der Bus heizte, am Straßenrand überall Gemüse ausgebreitet und mehrere Menschen, die dieses auch kauften. Hier ist rund um die Uhr immer etwas los.

Ankunft Yogyakarta

Aus den angegebenen 12 Stunden wurden dann am Ende ganze 15 Stunden, bis wir unserem Fahrer sagten, dass wir hier gerne austeigen wollen und so kurz nach Sonnenaufgang Yogyjakarta erreichten. Erschöpft und müde haben wir uns dann nach dem Einchecken und einer wichtigen Dusche für ein paar Stunden erstmal in den wohlverdienten Schlaf fallen lassen.

Unser persönliches Fazit:

Oft wurde uns von Jakarta abgeraten. Wir sind am Ende dennoch froh, die eine Nacht in Jakarta gewesen zu sein, weil wir mit Nichts davon gerechnet hatten und uns einige Szenen, so skurril sie auch sein mögen, wirklich in Erinnerung bleiben werden.